Was würdest du tun?
Das ist gewiss kein Aufruf zu einer Operation. Denn am Ende könnte es bei jedem anders sein. Es ist vielmehr eine Bitte. Eine Bitte um Verständnis.
Was würdest du an meiner Stelle tun?
Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und musst nur noch auf Toilette. Dein Leben besteht quasi aus auf-Toilette-gehen.
Morgens, kurz bevor du das Haus verlässt, musst du mindestens fünfmal gehen. Essen tust du hastig ein Joghurt, um dann auf dem weiteren Weg zur Arbeit, jede Minute inständig zu beten, dass du es rechtzeitig schaffen wirst.
Dass nicht heute der Tag ist, an dem du die Kontrolle verlierst.
Auf der Arbeit angekommen, rennst du auf Toilette. Gerade noch geschafft. Hoffentlich hat es keiner gesehen - den Sprint. Und gehört - deinen schweren Atem.
Und dann beginnt die Arbeit. Während du fleißig bist, hältst du immer die Toilette im Blick, dass sie bloß nicht besetzt ist; falls du sie umgehend brauchst. Wenn ein Kollege dich in ein Gespräch verwickelt, merkst du, wie deine Gedanken woanders sind. Nun bloß nicht müssen.
Bitte, bitte nicht jetzt.
Essen tust du kaum etwas. Ein Brötchen vielleicht. Oder Apfelmus. Ansonsten wäre die Gefahr doch zu groß. Trotzdem gehst du natürlich zur Toilette, viermal, wenn's gut läuft - zehnmal, wenn's schlecht läuft.
Und dann schleppst du dich irgendwie nach Hause. Auf der Fahrt dorthin geht der Stress natürlich weiter. Bitte nicht jetzt. Lass es mich nach Hause schaffen. Nicht wieder hinter einen Baum müssen, hockend, gedemütigt.
Zuhause angekommen rennst du und schaffst es gerade noch rechtzeitig. Zum Kochen bist du danach zu kraftlos. Wie denn auch - mit leerem Magen und erschöpftem Körper.
Also bestellst du etwas. Isst ein paar Bissen. Bis die Schmerzen dich überkommen. Innerlich zerreißen. Aber sitzen bleiben kannst du nicht. Natürlich nicht.
Schließlich musst du auf die Toilette.
Danach schleppst du dich zum Bett. Noch etwas unternehmen oder den Haushalt machen - undenkbar. Alles tut weh. Du legst dich hin. Da sind Krämpfe, dein Bauch schreit. Zwei Minuten liegst du, bis du wieder aufstehen musst.
Ein Sprint, hin zur Toilette.
Und dann sitzt du da. Zehn Minuten, zwanzig Minuten. Vom Toilettenpapier brennt inzwischen alles. Ein Schluchzen. Verzweiflung.
Und immer nur Schmerzen.
Du schleppst dich zurück ins Bett. Schläfst zwei Stunden. Wachst auf - zur Toilette, so schnell wie möglich. Und dann wieder; zwei Stunden; und wieder. Deine innere Uhr weckt dich zuverlässig.
Bis schließlich der Wecker klingelt und alles erneut beginnt.
Stell dir vor, dann, eines Tages, kommt jemand und sagt: Das kann alles aufhören, das könnte gehen. Du musst in Kauf nehmen, dass du deinen Körper nicht wieder erkennen wirst. Dass du Narben hast. Er anders funktioniert. Dass du auf. Hilfsmittel angewiesen und vielleicht von anderen verurteilt wirst. Dass es niemand verstehen wird. Aber es könnte gehen. Das alles, die Schmerzen, das Leiden, es könnte aufhören.
Und ganz plötzlich wärst du nur ein „Ja“ entfernt, von einem anderen Leben.
Was würdest du tun?