Die richtigen Menschen
❤️
Meine Freundin ist meine Freundin seit ich sie in der fünften Klasse jeden Morgen im Bus dämlich angegrinst hab - also mehr als mein halbes Leben lang.
Wir haben gemeinsam begeits etliches erlebt.
Meine Freundin hat mitbekommen wie ich krank geworden bin und dann wieder glücklich und sie hat all die Jahre nicht einmal meine Schmerzen hinterfragt, sondern vielmehr mir stets ihre bedingungslose Unterstützung angeboten.
Wenn wir gemeinsam in den Urlaub führen, organisierte sie jedes Mal, dass, unabhängig von der Anzahl der Personen, stets mehr als zwei Toiletten im Ferienhaus waren.
Bevor sie etwas kochte, fragte sie mich immer, was ich vertragen würde und was nicht.
Und wenn ich Arztbesuche hatte - obgleich es nur die routinemäßige Blutabnahme mit Nachbesprechung war - ich wusste, ich würde einige Zeit später eine Nachricht auf meinem Handy finden, in der sie fragte, wie es gewesen war.
Und ich?
Ich bin umgekehrt all die Jahre eine ganz grausame Freundin gewesen.
Hatte Treffen spontan absagen müssen, weil es mir nicht gut ging. Musste an ihrem Geburtstag früher gehen, da am nächsten Tag eine Darmspiegelung anstand. Und als sie vor kurzem gezwungen war, sich fortan glutenfrei zu ernähren, bot ich ihr trotzdem versehentlich ein Stück Pizza an.
Das alles hat mich immer ziemlich fertig gemacht.
Vor einiger Zeit war der Hund meiner Eltern krank und meine Mutter ae später zu mir:
„Als es dem Hund so schlecht ging, hatte ich nur noch den Hund im Kopf. Alles andere war so nebensächlich. Ich hatte gar keine Gedanken mehr für irgendetwas darüber hinaus übrig.“
Übertragen auf meine Situation soll das gewiss in keinerlei Weise ein Rechtfertigungsgrund sein.
Weiß ich doch, dass ich - trotz Krankheit, die allgegenwärtig und eine große Last ist - immer aufmerksamer hätte sein können.
Und dennoch glaube ich, dass da irgendwie etwas Wahres dran ist.
Manchmal tut man so viel, wie man kann und man denkt, es ist erstmal nicht genug, weil man nicht mehr machen kann.
Doch vielleicht ist auch das Wenige trotzdem ab und zu irgendwie gut genug.
Insbesondere wenn man die richtigen Menschen um sich hat.