Was für ein privilegiertes Leben
Ich habe da diese Freundin. Ab und zu beobachte ich sie aus der Ferne. Was für ein privilegiertes Leben, denke ich ständig. Und wie undankbar sie doch ist, befinde ich dann manchmal. Denn glücklich habe ich sie all die Jahre nie erlebt.
Meine Freundin ist gesund. Mit 17 hatte sie sich den Arm gebrochen.
Doch darüber hinaus plagte sie maximal die typische Erkältung jeden Winter oder mal ein Magengrummeln. Wenn man ihr gesamtes Leben betrachtet, war sie überwiegend schmerzfrei und unbeschwert.
Aber glücklich?
Glücklich war sie noch immer nicht.
Und dann hat sie eine tolle Ausbildung abgeschlossen und anschließend noch ein Studium. Erst den Bachelor, dann den Master. Und im Folgenden kam der unbefristete Job. Ein ganz wertvoller Beruf, der erfüllt und gutes Geld einbringt.
Aber glücklich?
Glücklich war sie noch immer nicht.
Als sie 25 wurde, lernte sie diesen Mann kennen. Sie verliebten sich und keine zwei Jahre später heirateten sie und kauften schließlich ein tolles Haus, mitten im Grünen. Mit viel Platz und Potential. Ein wunderbares Zuhause.
Aber glücklich?
Glücklich war sie noch immer nicht.
Vergangenen Frühling wurde dann ihr erstes Kind geboren. Ein gesunder Junge, der nicht süßer sein könnte. Durchschläft, manchmal knatschig ist und doch ein Vorzeigekind. Wenn er strahlt, strahlt die gesamte Welt und manchmal auch meine Freundin.
Aber glücklich?
Glücklich war sie noch immer nicht.
Während ich das schreibe, sitze ich hier, trinke genüsslich meinen Kaffee, die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings scheinen mir ins Gesicht.
Ich strecke der Sonne mein Gesicht entgegen. Habe einen Job, der zum Leben ausreicht, eine kleine Mietwohnung, ein Dutzend unerfüllter Träume und eine Krankheit, die mich ständig dazu zwingt, zu kämpfen.
Und ich lächle, denn ich bin glücklich. Dankbar für alles, was ich habe.
Betrachte mein Dasein und denke: Wos für ein privilegiertes Leben.