Sieben Türen
Vor Kurzem zeigte mir ein Bekannter stolz sein Büro. „Hier arbeite ich.“ erklärte er zufrieden.
Nachdem er mir alles gezeigt hat, merke ich wie meine Blase drückt. Früher war es das Erste, wonach ich Ausschau gehalten habe, wann immer ich einen neuen Ort betrat. Heute, mit künstlichem Darmausgang, bin ich da entspannter.
„Du sag mal, wo ist denn eure Toilette?“ frage ich ihn.
Er verzieht das Gesicht. „Oh, da musst du ein Stück laufen. Unser Bereich hat keine Toilette. Wir teilen sie uns mit den Mitarbeitenden vom anderen Flur.“
Dann laufen wir gemeinsam den Weg zu den WCs. Während wir laufen, beginne ich zu zählen.
Von seiner Bürotür aus, muss mein Bekannter den Flur entlang, um die Ecke, dann durch eine Tür, anschließend durch eine weitere ins Treppenhaus, von dort aus raus durch die Tür, den Flur entlang und noch durch eine letzte.
Schließlich stehen wir vor der Toilettentür, die einen Innenraum mit Waschbecken und insgesamt eine einzige Damentoilette und zwei Herrentoiletten für über 35 Mitarbeitende aufweist.
Sieben Türen.
Es sind insgesamt sieben Türen, die mein Bekannter tagtäglich öffnen und schließen muss, bis er die Toilette erreicht. Sieben Türen, ca. 79 Schritte und etwa 45 Sekunden Fußweg, allein um hin zu kommen.
Sofort frage ich mich: Wer um alles in der Welt konstruiert solche Bürogebäude?
Und dann fällt es mir ein: Es sind genau diese Menschen, die auch Innenstädte und Rastplätze ohne zentrale, öffentliche Toiletten bauen.
Diejenigen, die, wenn man sagt, dass man jetzt dringend aufs WC muss, antworten „Lass mich noch eben die Geschichte zuende erzählen!“
Die, die vergessen das Toilettenpapier aufzufüllen oder angesichts einer verstopften Toilette nur mit den Achseln zucken und entspannt auf die Handwerker warten.
Diejenigen, die nie in einer solchen Lage waren.
Die unbeschwert und verständnislos für solche Situationen durchs Leben ziehen.
Wären mehr Menschen in der Position, dass sie schnellstmöglich Toiletten benötigen oder hätten sie zumindest Verständnis für solche Bedürfnisse, gäbe es eine viel höhere Anzahl, zentraler, sauberer Toiletten.
Und gleichzeitig viel weniger Sorgen und Probleme für Menschen mit Darm- oder Blasenproblemen.
Und, so wette ich, letztlich eben ein dutzendfach mehr an Lebensqualität für die Betroffenen.
Als ich von der Toilette zurück komme, schaue ich meinen Bekannten, der von meiner Erkrankung weiß, entschlossen an:
„Du musst durch sieben Türen, bis du auf der Toilette bist. Das ist so unfassbar weit! So etwas dürfte gar nicht sein.“ Ich kann die Empörungiin meiner Stimme kaum unterdrücken.
„siehst du: Und genau deshalb mache ich das mit Instagram! Es braucht mehr Aufklärung, mehr Transparenz und mehr Verständnis auf dieser Welt.“
Mein Bekannter schaut irritiert und rührt verlegen in seinem Kaffee. „Aber Lilly, es sind doch nur sieben Türen!“