Fragen, auf die man die Antwort nicht hören will
Wenn mich das Unterrichten eines gelehrt hat, dann, dass man keine Fragen stellen sollte, auf die man die Antwort wohlmöglich nicht hören will.
Von „Habt ihr für die Klausur gelernt?“ bis zu „War das verständlich?“ - man muss stets damit rechnen, dass eine Antwort kommt, die einem im schlimmsten Fall den Boden unter den Füßen wegzieht.
Ich sitze beim Arzt und wir besprechen weiter die Ergebnisse der Darmspiegelung.
„Ihr Dickdarm sieht aus wie ein Schlauch.“ beschreibt der Arzt seine jüngsten Erkenntnisse. „Die jahrelangen Entzündungen haben ihre Spuren hinterlassen.“
Ich schlucke hörbar und starre ihn an. Hatte ich doch aufgrund der letzten so niedrigen Entzündungswerte schlichtweg mit einem anderen Ergebnis gerechnet. Mein Gehirn rattert.
In mir sind dutzende Fragen und ich weiß, dass mir kaum mehr Zeit bleibt, sie loszuwerden. Also entscheide ich mich für die Frage, welche am präsentesten ist.
Ich schaue den Arzt an. In meinen Augen stehen weiterhin Tränen, meine Stimme ist brüchig und ich bringe kaum einen vernünftigen Satz hervor.
„Der Dickdarm... ich meine... das wird aber doch wieder, oder?“
Der Arzt wirft mir einen mitleidsvollen Blick zu.
„Ich würde Ihnen gerne etwas anderes sagen, aber... Nein, das Organ wird nie wieder wie früher werden. Dafür sind die Schäden einfach zu groß.“
Wenn mich das Unterrichten eines gelehrt hat, dann, dass man keine Fragen stellen sollte, auf die man die Antwort wohlmöglich nicht hören will.
Und wenn mich das Kranksein eines gelehrt hat, dann, dass man manchmal Fragen stellen muss, um die man gar nicht drum herum kommt.
Aber dass man dabei riskiert, eine Antwort zu erhalten, die man danach nie wieder vergessen wird.