Dafür kann ich doch nichts
„So, Lilly, da sind wir also“, sagt sie. „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
Ich schlucke und schaue in eine andere Richtung. Unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen.
Sie seufzt. „Was hast du bloß getan - all die Jahre?“, fragt sie dann.
„Gearbeitet.“, antworte ich zögerlich. „Menschen unterstützt. Sie gefördert und glücklich gemacht. Hoffe ich doch.“
„Das glaube ich dir.“ Sanft streicht sie mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich frage mich urplötzlich, warum sie sich das Recht herausnimmt, mich einfach anzufassen.
„Aber was war da los die ganze Zeit?“, fragt sie dann.
Ich zucke mit den Schultern. „Was soll schon gewesen sein? Ich war glücklich!“
Sie nickt. „Das glaube ich dir. Und gesund? Warst du das auch“
Zum ersten Mal, seit sie da ist, erlaube ich mir, sie anzusehen. Sie ist älter geworden - natürlich. Und sie hat die Haare kürzer. Ansonsten kann ich kaum etwas erkennen. Sie ist eine Meisterin der Tarnung. Das war sie schon immer.
Meine Hand fährt automatisch zu meinem kaputten Bauch. Ich beiße mir auf die Lippe. „Das mit der Gesundheit ist so eine Sache, ja... aber dafür kann ich doch nichts!“
Sie sieht mich an - und wo vorher noch Sanftheit und Stolz in ihrem Blick lagen, ist plötzlich nur noch Enttäuschung.
Ihr Blick wandert zur vollen Schublade mit Süßigkeiten, zu den Listen mit Ärzten, deren Nummern ich mir herausgeschrieben, aber nie angerufen habe, zu den leeren Medikamentenpackungen, mit denen ich mich nie wirklich auseinandergesetzt habe.
„Es gab Wichtigeres“, flüstere ich - selbst nicht ganz überzeugt von dem, was ich da sage.
Sie strafft die Schultern, als sie zum Gehen ansetzt. „Und da bist du dir ganz sicher?“, fragt sie. Dann verlässt sie den Raum und lässt mich allein zurück.
„Es tut mir leid“, ist das Letzte, das ich zu mir selbst sage.