Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Ein grenzenloser Pessimist

1. Januar 2025 12:00 Uhr Instagram

Ich weiß nicht, was richtig ist. Optimistisch durchs Leben gehen und dann jedes Mal einen Schlag ins Gesicht kassieren, wenn’s plötzlich anders kommt, als man dachte. Oder Pessimistisch und dementsprechend nicht überrascht über Schicksalsschläge sein. Dadurch jedoch das Leben gewiss immer mit einer gewissen Schwere verbinden.

Was denkt ihr?

Triggerwarnung: Tod

Bei mir zuhause wohnt ein grenzenloser Pessimist. „2025 wird das Jahr des Todes.“ sagt er, als er mich an Silvester kurz vor Mitternacht umarmt.
Ich erstarre.

Während ich bis gerade noch gedacht hatte, 2024 hätte nicht schlimmer werden können, hat er es geschafft mich vom Gegenteil zu überzeugen.
2025 hätte durchaus Potential.
Weiß ich schließlich, dass da irgendwas an seiner Aussage ist, das richtig sein könnte. Immerhin hat sein Opa im vergangenen Monat mehrfach erwähnt, dass er nicht mehr leben möchte.
Meine Großeltern sind inzwischen ebenfalls fast 90. Und der Hund meiner Eltern ist in einem Alter, in dem er kaum mehr vor die Tür möchte.
Die Gefahr ist allgegenwärtig.

Und dennoch: „Sag sowas nicht!“ rufe ich auf seine Aussage hin entsetzt aus und löse mich aus der Umarmung. „Wir müssen jetzt mehr denn je positiv denken!“

Er schüttelt den Kopf; zuckt mit den Schultern. „Wenn man negativ denkt, kann man nicht enttäuscht werden.“

Enttäuscht werden heißt nur, dass die Täuschung aufhört, denke ich bei mir, lass ihn aber in dieser pessimistischen Welt, die er sich aus Selbstschutz so mühsam aufgebaut hat.

Einige Zeit später sitzen wir gemeinsam am Jahresrückblick. Betrachten jeden Monat des vergangenen Jahres.

Und in mir zerbricht erneut etwas. Während die anderen von Urlauben, Konzerten und Partys berichten, erzähle ich von Operationen, Regeneration und wichtigen Arztterminen.

Im November blicke ich schließlich auf: „Meine zweite Operation - endlich schmerzfrei. Das war gut!“ erkläre ich.
Und dann kommt der Dezember. „Plätzchen backen mit meinen Großeltern!“ quietsche ich erneut vergnügt und erinnere mich mit einem glückseligen Lächeln an diesen wunderbaren Nachmittag zurück.

Bis ich sehe, wie mein Pessimist im Haus mich kritisch mustert und beginnt zu sprechen:

„Ich hoffe du hast es genossen, denn es könnte sein, dass..“

„Nein!“ stoppe ich ihn sofort - wohl wissend, was er sagen will. „Das kommt gar nicht in Frage.“ sage ich dann. Inzwischen rede ich nicht mehr zu ihm, sondern schaue gegen die Decke. Mit etwas sprechend, von dem ich nicht mal weiß, ob es existiert. „Hört ihr, ihr da oben? Das kommt nicht in Frage! 2025 werde ich wieder mit ihnen Plätzchen backen. Das muss einfach so sein!“

Er schmunzelt und mein Optimismus steckt ihn nicht im Geringsten an, als er schließlich fragt:
„Kann man auch im Frühling Plätzchen backen?“

Beutelomausi