Wer genau hinhört
Das geht an die Kollegin, die es gehört hat.
Obwohl sie nichts von meiner Krankheit, nichts von den damals für mich so schlechten Nachrichten oder den abstrusen Schmerzen wusste, hat sie es mitbekommen. Ich hatte versucht, die übliche gute Laune zu zeigen. Hab Smalltalk gehalten, nett gelächelt und fleißig am PC gearbeitet. Und auf einmal schaut die Kollegin mich mitten im wuseligen Arbeitsalltag unvermittelt an und fragt nur eines:
„Du sag mal - Dir geht es heute nicht gut, oder?“
Und ich bin bis heute so dankbar und gleichsam fasziniert, wie aufmerksam sie gewesen ist.
Wer genau hin hört, kann mich ab und zu leise seufzen hören. Es ist nie laut; ein Schrei in die Welt hinaus - sondern eher ein Flüstern, in mich hinein. Es ist ein leises „Wieso ist das alles passiert“; ein leises „Ich wünschte alles wäre anders“; ein leises „Mein Herz tut mir weh“. Es ist ein Bereuen. Ein Ausdruck der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Eines ohne Schmerzen, eines ohne Krankheit, eines ohne Behinderung.
Wer mich anschaut, wird mich lächeln sehen. Wird mich unbeschwert laufen sehen; ein leichtes Hüpfen im Gehen - als könnte mir nichts in der Welt etwas anhaben. Als sei ich sorgenfrei. Und gesund. Und als könnte ich nicht glücklicher sein.
Nur manchmal und ganz leise und nur wenn man genau hinhört, dann ist da etwas anderes.