Was läuft hier eigentlich schief?
Hattet ihr auch schon einmal ein vergleichbares Erlebnis?
Was läuft hier eigentlich schief?
Stellt euch vor, ihr wacht nach einer kurzen Narkose auf und seid voll mit eurem Darminhalt. Da ist überall Stuhlgang, auf euch, neben euch, unter euch. Obwohl ein Rest Propofol noch in eurem Blut ist und euch müde und schwummrig macht müsst ihr die Pfleger rufen.
Sie reichen euch Kompressen, damit ihr euch notdürftig sauber machen könnt und sind im nächsten Augenblick wieder weg.
Aus eurem Bauch, wo ihr einen künstlichen Darmausgang habt, der nach der Darmspiegelung ziemlich aufgeregt ist, sprudelt es nur so raus. Obgleich ihr den Pflegern vorher alles erklärt habt, haben sie während der Narkose keinen Beutel drauf gemacht.
„Sie haben ja schließlich abgeführt.“ ist die Aussage. „Da ist ja nix mehr drin, was rauskommen kann.“
Was läuft hier eigentlich schief?
Es mussten zwei Tage vergehen. Dann erst habe ich nach der Operation erfahren, dass mein neues Stoma doch doppelläufig - und nicht wie geplant, endständig - ist. Vorher wusste ich von nichts. Die Chirurgin schafft es am Tag der Operation grade mal abends kurz reinzuschauen. Bereits in Feierabendkleidung. Dass es doppelläufig ist, sagte mir die Stomatherapeutin.
Was läuft hier eigentlich schief?
In meiner Selbsthilfegruppe damals erzählte eine ältere Frau, dass ihr „mal eben so zwischendurch“ gesagt wurde, dass sie während des Eingriffs einen Herzstillstand hatte. Etwas, das man erzählt, wenn man gerade das Mittagessen bringt. *„Hey, Sie waren übrigens während der Operation kurz tot. Und jetzt guten Appetit!“
Was läuft hier eigentlich schief?
„Gehen Sie erstmal nach Hause und ruhen sich eine Nacht aus“, sagte der Arzt in der Notaufnahme zu meinem Bruder, der ein Kribbeln und ein Taubheitsgefühl in der rechten Seite hatte. Einige Tage später wurde er operiert. Ein Loch im Herzen, das den Schlaganfall verursacht hatte.
Was läuft hier eigentlich schief?
Ich lese von Menschen, die trotz akuter Schmerzen, Termine erst in Monaten bekommen. Menschen, die weggeschickt werden, weil sie doch viel zu jung sind, um krank zu sein. Menschen, die selbst tätig werden müssen, damit ihnen geholfen wird.
Keine dieser Geschichten habe ich mir ausgedacht oder etwas hinzugedichtet. Sie sind so passiert und sie machen etwas mit uns. Sie lassen uns den Glauben in das Gesundheitssystem ein Stück weit verlieren. In die Zuverlässigkeit von Pflegerinnen und Pflegern, von Ärztinnen und Ärzten.
Und ich glaube - oder hoffe zumindest -, dass es in all diesen oder den meisten Fällen nieht eine böse Absicht oder ein menschliches Versagen war. Es war Überlastung. Menschen, die mit den Gedanken bereits am nächsten Krankenbett standen. Weil sie es müssen. Weil sie überall gebraucht werden.
Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders ist.Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
(Zitat von Georg Christoph Lichtenberg)