Was du NICHT siehst
Welt-CED-Tag.
Was du siehst: ein Lächeln, das den Tag begrüßt. Ein Körper, der sich bewegt. Eine Stimme, die lacht.
Was du nicht siehst: Nächte ohne Schlaf. Krämpfe wie Wellen, die gegen Grenzen schlagen. Tabletten im Morgengrauen. Infusionen an anderen Tagen. Das stille Zittern nach dem Aufstehen. Die Müdigkeit, die nicht vergeht. Die Angst, die bleibt.
Ich funktioniere in einer Welt, die nur das Sichtbare zählt. Aber meine Krankheit trägt keinen Gips, keine Schiene, kein Etikett. Sie wohnt in mir, lautlos, ungebeten, unheilbar.
Eine CED ist nicht sichtbar – aber sie ist da. Und heute spreche ich für all die, deren Schmerz keinen Namen trägt, weil ihn niemand sehen will.
Krank zu sein ist ein Vollzeitjob.
Unbezahlt. Ungehört. Unsichtbar.
Du siehst, wie ich morgens lächelnd ins Büro komme. Dich strahlend begrüße. Voll Tatendrang bin.
Offen. Motiviert. Bereit für den Tag.
Was du nicht siehst:
Wie ich mich aus dem Bett gequält habe. Die Stunden, die ich brauchte, um überhaupt loszukommen.
Die Müdigkeit. Die Unsicherheit. Die Angst.
Du siehst, wie ich durch die Flure eile. Aufgaben erledige. Und immer funktioniere.
Organisiert. Strukturiert. Fleißig.
Was du nicht siehst:
Wie ich mich manchmal heimlich am Türrahmen anlehne, weil meine Beine zittern. Mich immer wieder hinsetzen muss, um alles zu überstehen. In mich hineinhorche - ständig - ob mein Körper noch mitmacht.
Die Kraftlosigkeit. Die Schmerzen. Die Erschöpfung.
Du siehst, wie ich pünktlich gehe.
Und denkst: Sie freut sich auf den Feierabend. Wird ihren Hobbys nachgehen. Die Freizeit auskosten.
Entspannen. Genießen. Abschalten.
Was du nicht siehst:
Wie ich mich nach Hause schleppe. Zusammenbreche. Mich zwinge, etwas zu essen. Irgendwie zu schlafen. Irgendwie
weiterzumachen.
Wie ich täglich Arzttermine koordiniere, Medikamente recherchiere, Rechnungen bezahle. Überlege, was ich noch tun kann. Überlege, wie ich das hier überleben werde.
Die Verzweiflung. Die Wut. Die unbändige Sehnsucht nach einem anderen Leben.
„Du bist doch noch jung und gesund“, sagst du. „Was kann dir schon fehlen?“
„Alles“, antworte ich. Weil da so vieles ist, was du nicht siehst.