Nimm dir Zeit
Ich weiß:
Wenn die Patientin vor mir tatsächlich eine Magenspiegelung hatte, dauert diese grundsätzlich lediglich etwa 5 bis 10 Minuten. Doch die Zeit, die sich der Arzt anschließend für die Dokumentation nahm, erschien mir erschreckend kurz – es waren kaum mehr als sechzig Sekunden.
Auch wenn ich die genauen Umstände der Untersuchung nicht kenne, war der gesamte Prozess letztlich für mich ein deutliches Zeichen: für das hohe Fallaufkommen, das Massengeschäft, das Gefühl von „schnell, schnell“, das – so mein Eindruck – inzwischen den Alltag vieler Ärztinnen und Ärzte prägt.
Und kann das richtig sein?
Was zeichnet einen guten Arzt aus? Welche Verantwortung trägt er seinem Patienten gegenüber - und wo liegen die Grenzen? Wie weit reicht ärztliche Pflicht? Und was darf ich als Patient in Zeiten von Informationsflut und Zeitdruck noch realistisch erwarten? Welche Ansprüche sind berechtigt - und welche überfordern Ärzte und das Gesundheitssystem?
Während ich mich für die Untersuchung umziehe, halte ich die Spannung kaum aus. Jetzt ist es bald soweit - ich werde endlich erfahren, wie es weitergeht. Ob einer meiner beiden künstlichen Darmausgänge zurückverlegt werden kann. Ob es Hoffnung gibt. Oder wieder nur Enttäuschung.
Ich schlüpfe in das Netzhöschen, ziehe das OP-Hemd über. Auf dem Flur wird mir ein Zugang gelegt, mein Bett steht bereit vor dem Untersuchungsraum, in dem die Darmspiegelung stattfinden wird.
„Es ist noch eine Patientin vor Ihnen dran. Danach sind Sie an der Reihe“, sagt die Schwester mit einem freundlichen Lächeln.
Als der Arzt die Tür zum Untersuchungsraum schließt, hoffe ich insgeheim, dass es bei der Patientin, die vor mir an der Reihe ist, noch ein wenig dauert.
Nimm dir Zeit, flehe ich innerlich. Denn die Zeit, die er sich jetzt für sie nimmt - für die Untersuchung, für die Dokumentation - wird er hoffentlich auch für mich aufbringen.
All die Monate des Wartens, alle Maßnahmen, die ich ergriffen habe, jede einzelne Vorbereitung: Das alles soll nicht umsonst gewesen sein. Ich wünsche mir, dass er genau hinschaut. Dass er alles aufschreibt. Dass ich am Ende wirklich weiß, woran ich bin.
Keine zehn Minuten später öffnet sich die Tür zum Untersuchungsraum wieder. Die Patientin vor mir wird hinausgeschoben. Dann schieben sie mein Bett in das Untersuchungszimmer. Der Arzt sitzt noch mit dem Rücken zu mir am Computer. Tippt ein paar Worte.
Dann dreht er sich um. „Kann es losgehen?“ fragt er.
Ich nicke. Und muss nur noch daran denken, dass das alles irgendwie doch viel zu schnell ging.
..Fortsetzung folgt.