Über die Wichtigkeit von Behindertentoiletten
Es gibt so viele Menschen da draußen, die auf Behindertentoiletten angewiesen sind. Wir Stomaträger haben vielleicht noch zumeist eine - wenn auch ungünstige - Alternative. Aber es gibt Menschen, die dies nicht haben.
Bitte ermöglicht Behindertentoiletten, Barrierefreiheit und Teilhabe!
Früher habe ich es auch manchmal übertrieben gefunden. Ein müdes Lächeln gezeigt, wenn Politiker bei einem Gebäude - wo es schlicht nicht möglich ist - Barrierefreiheit forderten. Ich musste erst durch persönliche Erfahrungen lernen, wie verdammt wichtig es ist, beschissene Momente, das Gefühl der Ausgrenzung bis hin zu weiteren Traumata bei Menschen zu vermeiden und dass jeder - wirklicher jeder - Mensch die Chance hat, alles zu erleben.
Ich weiß gar nicht genau wie ich anfangen soll, einen Moment zu beschreiben, den ich eigentlich gern vergessen würde.
Es hätte aber auch so ein toller Tag werden können. Ich bin mittags, nach dem üblichen Versorgungswechsel, zur Selbsthilfegruppe gefahren. Und es war wirklich schön dort. Im Anschluss daran habe ich mich richtig beseelt und bestärkt auf den Rückweg gemacht. 30 Minuten Fahrt standen mir bevor.
Okay, dachte ich, lieber vorher noch kurz etwas zu essen holen. Also das nächste Fast Food Restaurant angesteuert. Der Bestellvorgang hat etwas länger gedauert. Als ich gerade an der Kasse stehe und bezahlen will, merke ich: Hier stimmt etwas nicht. Mein Bauch hat zu brennen begonnen und ich spüre eine ungewöhnliche Wärme, die vorher nicht da war.
Ich schlucke und flehe innerlich: Bitte, bitte, lass es nicht das sein, was ich denke. Dann fahre ich mit meiner Hand vorsichtig, so dass es möglichst keiner merkt unter mein Shirt. Und spüre es. Es ist klitschnass. Die Versorgung ist undicht geworden.
Der Kassierer begrüßt mich. Statt zu bezahlen, schlucke ich und sage mit gepresster Stimme: „Könnte ich den Schlüssel für die Behindertentoilette haben?“
Er ist nicht irritiert und fragt nicht nach, weil man mir meine Behinderung nicht ansieht, sondern dreht sich sofort zu seiner Kollegin um und erkundigt sich nach dem Schlüssel.
Ich verspüre einen Anflug von Dankbarkeit. Dann jedoch direkt ein Rückschlag:
„Tut mir leid“, sagt der Kassierer. „Wir haben aktuell keinen Schlüssel.“
Ich nicke und Verzweiflung steigt in mir auf. Mit einem geflüsterten „Danke trotzdem“ laufe ich auf die Damentoilette zu.
Es gibt insgesamt zwei Kabinen. Eine ist zurzeit besetzt, bei der anderen ist nur ein dämmriges Licht - scheinbar die Birne kaputt.
Ein weiteres Mädchen, das vermutlich aktuell auf ihre Freundin wartet, lächelt mich nett an. Als wüsste sie, dass ich es gerade brauche.
Mein Bauch brennt immer mehr und ich registriere, dass ich nicht länger warten kann. Also gehe ich zur zweiten Toilette mit dem Dämmerlicht.
Als ich abgeschlossen hab, ziehe ich mich in der beengten Kabine langsam aus. Schicht für Schicht überprüfe ich akribisch, wie viele meiner Klamotten betroffen sind.
In dem Dämmerlicht kann ich kaum etwas erkennen. Schließlich das Resultat: Der Beutel ist an der
Unterseite komplett gelöst. Es suppt raus und die Bandage ist voll damit. Ansonsten ist Gott sei dank keines meiner Kleidungsstücke betroffen; nur mein Unterkörper nach dieser Aktion natürlich.
Den Rest des holprigen und grausamen Versorgungswechsels erspare ich euch mal an dieser Stelle.
Zusammengefasst wird es mir jedoch immer in Erinnerung bleiben, wie ich quasi komplett ausgezogen in dieser Minikabine mit kaum Licht und ohne jeglichen Zugriff auf Wasser irgendwie versucht habe, ein vages Gefühl von Sauberkeit herzustellen, um im Anschluss noch 30 Minuten mit eben diesem Empfinden und fürchterlichen Bildern im Kopf nach Hause zu fahren.
Und die Moral von der Geschichte?
Außer, dass man als Stomaträger bzw. CEDler wohl immer Wechselklamotten aller Art und ein gewisses Maß an Feuchttüchern dabei haben sollte und es tausendmal mehr Menschen geben sollte, die Behinderungen weder hinterfragen noch kommentieren - definitiv eines:
Die Wichtigkeit von Behindertentoiletten.