Mein kleiner Beschützer
Kennt ihr solche Zeichen eures Körpers?
Mir ist früher nie aufgefallen, dass es tatsächlich an meiner Anspannung oder einem sonstigen Gefühl liegen könnte, dass ich auf Toilette muss. Natürlich weiß auch ich, dass der Darm bei Nervosität arbeitet. Aber dass er zuverlässig, jedes Mal wenn ich zur Arbeit fahre und dann immer mal wieder zwischendurch Bescheid gibt, wenn ich nur ganz leicht gestresst bin, hatte ich früher nicht bemerkt. Oder hatte es auf das Essen, was ich zuvor zu mir genommen hatte, geschoben. Jetzt merke ich, dass mein Körper konditioniert ist. Und arbeite dran.
Wenn man an Zitronen denkt, spürt man etwas im Mund, vielleicht wird der Speichelfluss angeregt. Wenn man intensiv an Feuer denkt, wird einem warm. Und wenn man lächelt, geht es einem direkt besser.
Ja, ich hatte von der Kraft der Gedanken hinsichtlich unseres Körpers gehört. Diesem Zusammenspiel von Körper und Psyche.
Aber dass Gedanken einen ausgeschalteten Dickdarm zum Leben erwecken können - damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich habe ein gut funktionierendes Dünndarmstoma, was dafür sorgt, dass alles was danach kommt, nicht mehr in den Nahrungsprozess eingebunden ist. Hierzu gehört insbesondere mein Dickdarm. Der Gute fördert zwar weiterhin immer mal ein wenig von seinem selbst Produzierten, um sich zu melden, dass er noch da ist - ansonsten lässt er mich aber weitestgehend in Ruhe.
Bis vor kurzem zumindest.
Der blaue Fleck von der Thrombosespritze war noch nicht weg; ein Rest Pflaster und Jod hätte man erahnen können und sogar die selbst auflösenden Fäden waren noch an Ort und Stelle, als ich nach der Operation wieder zu arbeiten begann.
An meinem zweiten Tag auf der Arbeit stand mir bereits ein etwas wuseliges Pensum bevor. Hinzu kam, dass ich ein wenig mit dem Gefühl kämpfte, durch die drei Wochen Abwesenheit infolge der Operation nunmehr total raus zu sein. Entsprechend fühlte ich mich nervös und angespannt.
Ich merkte es schließlich bereits im Auto - da war wieder das Pseudogefühl auf Toilette zu müssen und ein leises Kribbeln im Bauch. Ich realisierte wie mein Dickdarm arbeitete, wusste aber, dass er nichts zum arbeiten haben konnte. Bis ins Büro hinein spürte ich einen ganz neuen Druck im Bauch - zwar keinen schmerzhaften, aber doch einen, der meine Aufmerksamkeit erregte.
Entsprechend habe ich dann sehr zeitnah alles überprüft - und stellte zu meiner großen Überraschung fest, dass mein Dickdarm tatsächlich so fleissig gewesen war, wie seit der Op nicht mehr. Mit Signalfarben und auf allen Ebenen schien er mich anzuschreien: Du bist nervös? Ich bin es auch! Lass uns aufhören nervös zu sein.
Seit dem redet er immer mal wieder mit mir. Er ist wie ein kleiner Beschützer geworden, der mir sagt, wenn es zu viel ist. Wenn ich durchatmen soll. Aus der Situation raus muss. Zur Ruhe kommen. Mit dem Unterschied, dass ich nun nicht mehr so schnell es geht auf die Toilette rennen muss, sondern mich nur auf die Situation konzentrieren kann.
Mein Dickdarm spricht zu mir. Hat es wohl all die Jahre schon gemacht. Nur eines hat sich geändert: Ab jetzt höre ich hin.