Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Hätte ich doch

10. Januar 2025 12:00 Uhr Instagram

Was ist euer „Hätte ich doch..“?

Mitunter die schlimmsten Sätze beginnen mit den Worten „Hätte ich doch...“

Hätte ich doch diesen-Pullover damals gekauft, der mir so gut gefallen hat.

Hätte ich doch dieses Esgen nicht noch gegessen, von dem ich später Magenschmerzen bekam.

Hätte ich doch mehr für die Klausur gelernt und so eine bessere Note geschrieben.

Hätte ich doch sie noch einmal angerufen, bevor sie starb.

Es ist stets Ausdruck eines Bereuens. Und je nach Ausmaß känn es nur kurzfristig wehtun oder so sehr schmerzen, dass man nicht weiß wohin mitall dieser Last.

Ich denke jeder Mensch Hat mindestens einen dieser „Hätte ich doch“-Sätze tief in sich.

Bei mir ist es seit einiger Zeit ein: Hätte ich doch noch drei Monate gewartet.

Meine erste Operation war Ende Januar im letzten Jahr. Ich hatte so lange Zeit mit mir gerungen. Doch irgendwann hatte ich es endgültig entschieden, dann den Termin vereinbart und ab da gab es kein Zurück mehr. Alles wurde in die Wege geleitet, umgeplant und organisiert.

Kurz vor der Operation erfuhr ich, dass der Chefarzt, der mich operieren sollte, drei Monate später in Rente gehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät noch etwas zu ändern. Außerdem dachte ich, dass es doch genau das Richtige war, bei so einem erfahrenen Menschen eine so wichtige Operation durchführen zu lassen.

Im Vorgespräch wurde darüber gesprochen, dass es sein könnte, dass es:kein Kolo- sondern ein Ileostoma werden würde, welches durchaus komplizierter zu versorgen sei. Ich flehte den Chefarzt an, es bloß mit meinem Dickdarm zu versuchen - also ein Kolostoma anzulegen. Mit einem Stoma musste ich doch schon so viel verarbeiten. Kompliziert würde ich nicht auch noch ertragen.

Und er schaffte es. Der Dickdarm sei zwar sehr entzündet gewesen, beschrieb er mir später, doch es habe geklappt. Und dennoch: Mein Kolostoma war von Anfang an anders als all die künstlichen Darmausgänge, die ich mir bis dahin angeschaut hatte. Und funktionieren tat es auch nicht so wie es sollte. Außerdem waren die Schmerzen weiterhin da.

All das ertrug ich weitere zehn Monate. Bis eine neue Operation notwendig wurde. Der Chefarzt war in Rente gegangen. Inzwischen gab es eine Chefärztin im Krankenhaus. Auch sie flehte ich erneut an, bloß kein Ileostoma zu operieren. Doch auch sie klärte mich auf, dass es sein könnte, dass sie es tun muss.

Und so kam es schließlich. Im November operierte sie und ich bekam ein zusätzliches Ileostoma. Und ich denke bis heute, dass es das Beste war, was mir passieren konnte.
Auf meine Frage, warum sie das Kolostoma nicht operiert hatte, antwortete die Chefärztin folgendes:
„Es wäre heroisch, wenn ich das getan hätte. Der Dickdarm war viel zu entzündet.“

Dieser Satz ist mir all die letzten Wochen nicht aus dem Kopf gegangen.

War es auch im Januar schon heroisch gewesen, den Darm zu operieren?
Konnte es sein, dass sich der Chefarzt - mit all seiner Jahrelangen Erfahrung überschätzt hatte?
Nochmal etwas wagen wollte, so ganz zum Schluss?

Ich weiß, dass ich wohl niemals eine ehrliche Antwort auf die Frage erhalten werde - geschweige denn wohl erhalten will.

Aber so bleibt dieses „Hätte ich doch drei Monate gewartet“ in mir drin.

Hätte ich doch drei Monate gewartet, dann wäre die Chefärztin da gewesen und sie hätte vielleicht auch damals schon anders entschieden.

Hätte ich doch drei Monate gewartet, hätte ich nun nicht zwei Löcher, sondern nur eins, im Bauch.

Hätte ich doch drei Monate gewartet, wäre ich vielleicht jetzt glücklicher.

Beutelomausi