Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

Avatar von Beutelomausi

Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Anderen geht es viel schlechter

10. November 2024 12:00 Uhr Instagram

Das Glücksgefühl hielt jedoch nur für die Dauer der Wirkung der Narkosemittel und schon bald war ich in der Realität zurück.

Am späten Nachmittag bekam ich meine Bettnachbarin für die nächsten paar Tage. Sie wurde wegen einiger Fisteln im Darm operiert und der Ausgang der Op war wohl etwas ungewiss.
„Gott sei dank ist es kein Stoma.“ hörte ich ihren Mann sagen, als sie sich leise unterhielten.
Das war wohl das erste Mal, dass ich einen Stich im Herzen fühlte.

Die nächsten Tage waren voll davon.

Die Morgen beim gemeinsamen Beutelwechsel mit Sonja, der Stomatherapeutin, wo ich mehr und mehr meinen neuen Körper kennenlernte und den neuen Anblick nur schwer ertragen konnte.

Beim Anhören der Sorgen meiner Bettnachbarin darüber, was sie essen dürfte und wann der Physiotherapeut kam: Sorgen, die mir plötzlich so unfassbar unbedeutend und fast schon höhnisch vorkamen.

Die Momente im Foyer, wo ich Personen mit gebrochenen Armen, nach Nasenoperationen oder sogar Rentner beobachtete und mir wünschte, ich wäre sie und hätte einen „normalen“ Körper oder zumindest einen Körper, der wieder von selbst heilen kann.

Es tat mir weh.

Und dann, fünf Tage nach der Op, kam der Moment, als ich nach Hause durfte.

An die Heimfahrt erinnere ich mich bis heute. Ich schaute aus dem Fenster auf die hässliche Autobahn Umgebung. Wir kamen an Baustellen und Rasthöfen vorbei.

Ich atmete tief ein, denn es war das erste Mal seit so langer Zeit, dass ich mir über nichts Sorgen machen musste.
Keine Panik vor einem Stau, kein „Wo ist die nächste Toilette?“, kein ständiges Hineinhorchen in den eigenen Körper, ob vielleicht bald ein Wc benötigt werden könnte.

Ich fühlte mich, zum ersten Mal seit so vielen Jahren, einfach unbeschwert.

Beutelomausi