Wie verdammt stark du bist
Was hättet Ihr wohl geantwortet?
„Was ist das Eine, was euch von allen Anderen hier im Raum unterscheidet?“ fragt uns vor kurzem ein Kollege.
Wir stehen zu Zehnt gemeinsam im Büro und sehen uns für einen kurzen Moment nachdenklich an.
„Ich bin schon zwei mal auf 1000 Meter Höhe fast in eine Gletscherspalte gefallen.“ beginnt einer von uns, der regelmäßig Bergsteigen geht.
„Ich habe 1000 Tiere zuhause.“ erklärt anschließend eine andere Kollegin, die hobbymäßig Bienen züchtet.
Ich denke kurz nach.
Ich habe zwei Löcher im Bauch. Schießt es mir durch den Kopf. Ich kann meinen Darm entleeren während wir gerade reden. Ich hab schon so viele Medikamente, Krankenhausaufenthalte und Operationen durch, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.
Doch stattdessen blicke ich lächelnd auf.
„Ich kann Einrad fahren.“ berichte ich der Runde. Meine Kolleginnen und Kollegen nicken kurz anerkennend und ich spüre auf einmal einen Stich im Herzen.
Sofort überlege ich, warum ich plötzlich traurig bin, nicht von meiner Krankheit oder meiner Behinderung erzählt zu haben.
Weil es dir wichtig ist. Schießt es mir durch den Kopf. Weil es gerade so viel für dich ausmacht, denke ich dann. Weil du genau über das, was so ein Großteil deines Lebens ist, schweigen musst.
Doch da ist mehr, wird mir dann klar. Und ich blicke auf meinen Kollegen, der ständig sein Leben auf Bergen riskiert oder die Kollegin, die sich regelmäßig den Bienen aussetzt.
Du hättest es gerne erzählt, denke ich und in meinem Kopf sehe ich die Bilder all der stillen Kämpfe in meinem bisherigen Leben.
Du hättest es gerne erzählt, weil es zeigt, wie verdammt stark du bist.