Überlastungssituationen und Prioritätensetzung
Heute mal ein etwas anderer Kontext. Aber diese Situation seinerzeit hatte mich so inspiriert, dass ich diese Frage und ihre möglichen Folgen - nämlich ggf. ein Umdenken - gerne mit euch teilen wollte.
„Wer sollte auf deiner Beerdigung dabei sein?“ fragte mich zuletzt ein Kollege, ganz locker heraus.
Wir sind zu zweit im Büro, sprechen über unser aller aktuelle Situation - die Dauerbelastung und ihre Folgen.
Meine erste Assoziation auf seine Frage ist jene, die ich schon immer hatte:
Wie Dutzende meiner Schüler auf meiner Beerdigung sind, dunkel gekleidet, lauter mitleidsvolle Gesichter, die ehrfurchtsvoll von meinem tollen Unterricht berichten.
Denn das ist nunmal das, was ich am besten kann und womit ich - neben meiner Krankheit - die meiste Zeit meines Lebens verbringe.
Mein Kollege lächelte mich verständnisvoll an. Hatten wir schließlich grad über Überlastungssituationen auf der Arbeit und Prioritätensetzung im Leben gesprochen. „Und du bist dir sicher, dass es so laufen würde?“
Ich zucke mit den Schultern, sichtlich getroffen von seinen Worten. “Ich würde es mir zumindest wünschen.“
Doch von da an beginne ich zu überlegen.
Wen würde ich wirklich da haben wollen bei meiner Beerdigung? Und was sollten sie sagen? Wer würde überhaupt kommen wollen? Und wer würde sprechen? Waren es nicht ganz andere Personen, die von mir erzählen sollten? Die, die wüssten, wer ich wirklich bin. Und - was bedeutet dies in der Konsequenz? Könnte es wirklich sein, dass ich all die Jahre die falschen Prioritäten gesetzt hatte?
Ein paar Tage später treffe ich meinen Kollegen auf dem Flur. Es herrscht der übliche Stress. Schüler schwirren durch die Gänge, manche begrüßen uns im vorbei gehen überschwänglich, andere werfen uns ein flüchtiges Lächeln zu, einige sind ins Gespräch vertieft oder schauen nicht von ihrem Handy auf.
„Ich hab’s mir nochmal überlegt.“ sage ich zu meinem Kollegen und denke an das letzte Wochenende, das ich, trotz wachsendem Stapel zu korrigierender Klausuren, mit meinem Freund auf dem Weihnachtsmarkt verbracht habe.
Oder das gestrige Telefonat mit meinem Bruder, im Rahmen dessen wir eine Viertelstunde nur gelacht haben, ohne dass ich auch nur einen Gedanken an die Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Tag verschwendet habe.
„Das mit der Beerdigung.. Ich habe nochmal darüber nachgedacht“, erkläre ich und nicke zu einer Gruppe von Schülern rüber, die uns nicht hören können.
„So gern ich sie mag, aber - vielleicht kriegen die doch keine Einladung.“