Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Ich bin so viel mehr als die Krankheit

20. November 2024 12:00 Uhr Instagram

Wie seht ihr das? Erzählt ihr allen Personen in eurem Umfeld von der Erkrankung? Oder macht ihr Unterschiede? Oder wartet auf den richtigen Moment? Und wie waren eure Erfahrungen?

Ich weiß nicht, ob sich meine Meinung dahingehend irgendwann verändert. Aber ich weiß, dass es aktuell der richtige Weg für mich ist.

Und ich freu mich über eure Erfahrungen und Ansichten. 🤗

Es ist gar nicht lang her, da hatte ich es vergessen.

Wir sitzen am Esstisch bei meinen Eltern und sprechen über meine aktuelle Situation. Es geht mir schon lange nicht mehr gut und die Krankheit ist omnipräsent.

„Manchmal überlege ich, es auf der Arbeit einfach allen zu sagen.“ sinniere ich. „Vielleicht würde es das einfacher machen. Nicht immer dieses Versteckenmüssen. Zum Beispiel wenn er komische Geräusche macht und sich alle fragen, was es ist. Oder man es sogar manchmal durch die Hose sieht, wenn er voll ist und keiner es versteht. Oder diese ständige Angst, dass etwas ausläuft und ich reagieren muss und mich seltsam verhalte.“

„Ich denke, du machst es, damit du nicht so wahrgenommen wirst.“ entgegnet meine Mutter und sieht mich fragend an.
„Das war doch wegen des Nachbarn damals, oder?“

Und da fällt es mir wieder ein.

Als ich etwa 15 Jahre alt war haben wir neue Nachbarn bekommen. 3 Kinder waren mit ihren Eltern neben uns eingezogen. Als die Eltern sich uns vorstellten und von den Kindern berichteten, war das Erste womit sie ihren jüngsten Sohn beschrieben:
„Das ist Tobias. Tobias hat Morbus Crohn.“
Diese Situation ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.
Nicht „Tobias liebt Fußball.“ „Tobias ist 14 Jahre.“ oder „Tobias kann toll malen.“
Nein, Tobias ist krank.

Das sollte nicht das Erste sein, womit man mich beschreibt.

Ich möchte die sein, die freundlich, humorvoll und liebenswert ist. Die guten Unterricht macht.
Die, die interessant erzählen kann. Die, die motiviert oder engagiert ist. Bei der es Spaß macht. Von mir aus auch die mit den schwierigen Klausuren oder die Anspruchsvolle oder die, die zu schnell redet.

Aber auf keinen Fall die Kranke. Die mit dem Beutel. Die Zerbrechliche.

Wenn ich es ihnen erzählen würde, wäre das demnächst wohlmöglich das Erste was man sich von mir demnächst berichten würde. Dann wär ich vielleicht als erstes die Person mit der Behinderung und als zweites erst die gute Lehrerin. Ersteres bin ich zweifellos natürlich.
Aber ich will es eben nicht nur und nicht in erster Linie sein.

Eine Woche später sitze ich wieder bei meinen Eltern am Tisch.

„Danke!“ sage ich zu meiner Mutter. Sie schaut mich irritiert an. „Wofür jetzt genau?“

Ich blicke zurück und lächle: „Dass du mich daran erinnert hast, wer ich sein möchte.“

Beutelomausi