Diese Dreistigkeit
Ich schaue besorgt von links nach rechts. Meine Wangen haben einen leichten Rot-Ton angenommen, meine Haltung ist demütig gebeugt.
„Ich wollt mich nicht dazwischen drängeln“ nuschle ich und wage es das erste Mal dem Arzt in die Augen zu blicken.
Er zuckt mit den Schultern, sein Blick ist auf den Monitor gerichtet, als er meint: „Jetzt sind Sie ja hier.“
Dann erklärt er mir die Sachlage und wir planen das weitere Vorgehen. Währenddessen spüre ich immer wieder ein ungewohntes Gefühl in mir aufkommen. Eine Mischung aus Stolz auf mich und gleichzeitiger Irritation. Ich bin es nicht gewohnt, diese Dreistigkeit.
Bin ich doch eigentlich stets die gewesen, die an der Kassenschlange gelassen hinnimmt, wenn eine Rentnerin es mal wieder eilig hat. Oder lediglich ein müdes Lächeln findet, wenn ein Auto sich in die letzte freie Parklücke drängelt, die eigentlich mir gegolten hätte.
Doch das hier ist etwas anderes. Hier geht es um meine Gesundheit. Zwei Löcher im Bauch. Und eins davon, das nun endlich dringend weg muss. Ich werde nicht mehr still sein, wenn es darum geht. Nicht mehr zurückhaltend. Andere vorlassen oder Dinge über meine Gesundheit stellen. Ein Gefühl von Stärke und Entschlossenheit überkommt mich. Nein, das hier ist wichtig. Und wenn ich das nicht priorisiere, was dann?
Zum Abschied reiche ich dem Arzt die Hand. „Tausend Dank nochmal, dass das jetzt so schnell noch geklappt hat!“ sage ich aufrichtig.
Der Arzt zeigt ein schiefes Lächeln und drückt meine Hand ein wenig zu fest, als er sodann antwortet: „Da haben Sie ja schließlich selbst für gesorgt!“