Als es das dritte Mal passierte
Als es das dritte mal passierte, war mein Herz gebrochen.
Das kann man jetzt vielleicht als übertrieben oder dramatisiert empfinden, aber genau das war mein Gefühl.
Das was passierte, war mein Irrwicht. Die Situation, vor der ich am meisten Angst hatte.
Ich muss natürlich insgesamt sagen, dass ich sicherlich dennoch Glück hatte. Hätten es doch mehr Menschen bemerken können. Aber trotzdem war in dem Moment so vieles kaputt gegangen.
Es ist eigentlich ein normaler Tag im Büro gewesen.
Ich hatte gerade noch mit Kollegen zusammen gestanden und gelacht und plötzlich merkte ich, dass ich schnellstmöglich eine Toilette brauchte.
Noch bevor ich die Schlange vor der Toilette sah, realisierte ich, wie ich die Kontrolle verlor. Bis heute frage ich mich, ob die Menschen in der Schlange, die in dem Moment mein Gesicht sahen, auch mein Entsetzen gesehen haben. Oder vielleicht sogar noch viel mehr.
Zurück in meinem Büro habe ich mir dann eine Jacke um die Hüfte gebunden, meinen Rucksack genommen und bin dann nur noch an allen vorbei gehastet. Hin zu einer Toilette fernab, wo ich wusste, dass ich möglichst ungestört sein würde und mich in Ruhe umziehen könnte.
Die dreckigen Klamotten ließ ich dort; so gut es ging in einen geschlossenen Mülleimer gestopft. Mitgenommen hab ich allerdings das furchtbare Gefühl, dass dort auf dieser Toilette nunmehr eindeutige Beweise für all das waren, was niemals hätte passieren dürfen.
Und wenn auch nur bis zu dem Moment, in dem die arme Reinigungskraft am Nachmittag den Mülleimer leeren würde.
Und dennoch war ab dem Moment einiges anders:
Der Ort, wo ich bisher immer soweit es ging von meiner Krankheit abschalten konnte, war zur Bedrohung geworden. Ich hatte nun gar kein Vertrauen in mich und meinen Körper mehr und wusste, wenn es nochmal passierte, könnte es nur schlimmer kommen.
Rückblickend weiß ich nicht mehr, wie ich es geschafft habe, tatsächlich danach noch 90 Minuten einen digitalen Termin wahrzunehmen, den ich so spontan nicht mehr absagen wollte, und im Anschluss daran mit wackligen Beinen zur Verwaltung zu laufen und mitzuteilen, dass ich mich krank abmelden muss. Ich glaube, als ich dort stand, hat mir das jeder geglaubt.
Zuhause angekommen hab ich mich dann in mein Bett verkrochen und bin sofort eingeschlafen. Als ich danach aufgewacht bin, hat mich alles wieder eingeholt.
Ich denke alle Menschen werden früher oder später in ihrem Leben in Situationen kommen, in denen sie nach dem Schlafen, im Augenblick des Aufwachsens diesen furchtbaren Moment des Realisierens erleben. Die ersten Sekunden ist da dieses Gefühl - hallo Welt, ich bin wieder wach. Und beim nächsten Atemzug fällt es dir wieder ein und du kannst nur noch hemmungslos weinen.
Wenn ich heute daran zurück denke, glaube ich, dass das der Moment war, in dem ich die Entscheidung getroffen habe.